Umweltschutz ist auch Menschenschutz – auf ein Wort mit Christian Hierneis

In der aktuellen Ausgabe des Münchner Grünen Magazins GRETA sprach Landtagskandidat Christian Hierneis mit Sofie Langmeier über Herausforderungen des Umweltschutzes, intelligente Stadtplanung und warum Bürgerbeteiligung nicht bei Volksentscheiden aufhören darf.

Christian, stell Dir vor, in Deiner Nachbarschaft soll ein Baum gefällt werden. Was machst Du, was können wir alle machen?

Als Allererstes rufe ich bei der UNB an, das ist die unterste Naturschutzbehörde. Die kann mir sagen, ob das Fällen genehmigt ist und ob ein Ersatzbaum gepflanzt werden muss – oder ob das Fällen untersagt wurde. Andere fragen bei den Baumschutzbeauftragten der Bezirksausschüsse nach, das geht auch. Aber man kann sich das alles sparen, wenn der gefährdete Baum in einem Meter Höhe einen Stammumfang von weniger als 80 Zentimeter hat. Warum? So ein Baum kann nach Gutdünken umgesägt werden, weil bei diesen Maßen die Baumschutzverordnung nicht greift. Und dann gibt es noch das Baurecht … Baurecht bricht Baumschutz. Wir brauchen hier dringend andere Prioritäten und Entscheidungswege. Und die Naturschutzbehörden in München und in ganz Bayern brauchen mehr Personal. Wir Grüne fordern das seit Langem.

Wie viele Bäume werden denn in München gefällt?

Ich höre immer wieder, auf einen einzelnen Baum komme es doch nicht an. Aber mit dieser Haltung haben wir in den letzten sieben Jahren knapp 25.000 Bäume verloren – verloren heißt, dass es keine Ersatzpflanzung gab –, fast alle auf privatem Grund. Dort werden auch mal große Bäume ohne Genehmigung umgesägt. Es wird schon keiner merken. Und wenn doch, zahl’ ich eben die Strafe. Sehr viele Bäume werden außerdem wegen angeblicher Schäden gefällt – das nennt sich dann „Verkehrssicherungspflicht“.

Warum sind Bäume und Grünflächen so wichtig?

Wer mag schon Beton vor seinem Fenster? Fast jeder wünscht sich einen Blick ins Grüne. Wir spüren intuitiv, was aktuelle Studien belegen: Grün in der Stadt ist gut für unsere Psyche, Grau in Grau tut uns gar nicht gut. Ebenso profitieren wir Menschen von einer weiteren Funktion dieser Grünflächen. Sie sind Kaltluft-Entstehungsgebiete. So technokratisch dieser Begriff klingt, so präzise beschreibt er die Funktion. Je mehr sich unsere Stadt aufheizt, desto wichtiger werden solche Flächen. Nur ein paar Quadratmeter Grün oder ein Baum in einem Hinterhof leisten hier schon einen kleinen, aber wichtigen Beitrag.

Eine ähnliche Funktion haben Frischluftschneisen.

Richtig, sie bringen frische Luft und Abkühlung vom Land in die Stadt. Nicht alle sind im Stadtbild so präsent wie die Isar oder der Englische Garten. Oft sind es „nur“ viele kleinere, aber zusammenhängende Grünflächen, Parks etc. Würden diese Schneisen unterbrochen, hätte es fatale Auswirkungen auf das Stadtklima und damit auch auf uns Stadtmenschen.

Bevor wir uns dem Konflikt „Natur erhalten – Wohnraum schaffen“ zuwenden, lass uns noch kurz einen Blick auf die städtische Tierwelt werfen. Auch Tiere drängen in die Stadt.

Wildtiere ziehen in die Stadt, weil sie hier mehr und einfacher Nahrung finden und kaum Feinde haben. Noch finden sie in den Städten eine größere Vielfalt an Lebensräumen als auf dem Land mit seiner intensiven Landwirtschaft. Aber: Der Lebensraum Stadt ist auch für Tiere nicht mehr das, was er einmal war. So erleben wir nach Jahren der Zunahme sowohl einen Rückgang der Artenvielfalt als auch der absoluten Zahlen.

Brauchen wir – auch in der Stadt – mehr Schutzzonen für Tiere?

Echte Artenvielfalt braucht große geschützte Flächen. Deshalb brauchen wir in Bayern dringend Nationalparks. Aber dennoch können wir auch lokal einen Beitrag leisten: Wir müssen Grünflächen und Biotope vernetzen, damit ein Austausch möglich wird. Wir brauchen Schutzgebiete wie die Fröttmaninger Heide oder den Truderinger Wald, die wir nicht antasten. Auch wenn ich dauernd höre, dass dank guter Planung neues Grün entsteht, können diese Flächen intakte, gewachsene Stadtnatur nicht einfach ersetzen.

Das städtische Planungsamt geht davon aus, dass München in den kommenden Jahren jeweils um rund 20.000 Einwohner wachsen wird. Wie kann das zusammengehen: neuen Wohnraum schaffen und Grünflächen erhalten?

Wenn wir so weiterbauen wie derzeit, werden wir mehr und mehr Grünflächen verlieren. Das schadet der Natur und den Menschen. Ich streite seit vielen Jahren für den Erhalt von Grünflächen, aber wir verlieren immer mehr davon. Der Versiegelungsgrad in München steigt unaufhörlich. Wenn es so weitergeht, ist München im Jahr 2035 zugebaut, Natur und Lebensqualität sind dahin. Dazu kommen jetzt noch viele andere Probleme, die dieses Wachstum mit sich bringt, vom Verkehrskollaps bis hin zu den sozialen Verwerfungen.

Du bist ja einer der schärfsten Kritiker, was die Bebauung freier Flächen in München angeht. Aber ohne zusätzlichen Wohnraum geht es auch nicht.

Dazu führe ich immer wieder spannende Diskussionen in meinen zahlreichen Vorträgen und ernte für meine Vorschläge viel Zustimmung. Wir haben in München viele bereits versiegelte Flächen, etwa für Parkplätze, die man bebauen oder überbauen kann. Und warum bauen wir nicht zum Beispiel acht Etagen statt vier? Statt großer Luxuswohnungen bezahlbaren Wohnraum für alle? Wer nach München ziehen will, der soll das tun. Freizügigkeit ist im Grundgesetz verankert und sie ist ein hohes Gut, das wir stets verteidigen müssen. Aber wir wissen aus Umfragen, dass die überwiegende Anzahl der Neubürger/-innen nicht nach München kommt, weil sie unbedingt nach München will. Nicht die Stadt zieht sie an, sondern ein attraktiver Arbeits- oder Studienplatz. In München und der Region entstehen jedes Jahr Zigtausende Arbeitsplätze, auf dem Land fallen sie weg und die gesamte Infrastruktur bricht dort zusammen.

Das heißt, der Siedlungsdruck entsteht auch, weil es innerhalb Bayerns und darüber hinaus keine gleichwertigen Lebensverhältnisse gibt?

Es geht mir darum, dass Menschen überall in Bayern, in Deutschland und der EU gut leben können, nicht nur in den Metropolen. Das nimmt den Druck aus den Metropolen – in unserem Fall München – und stärkt gleichzeitig die ausblutenden ländlichen Regionen in Bayern und Deutschland, aber auch in der gesamten EU. Chancengleichheit im ganzen Land ist auch ein wesentliches Thema in unserem grünen Wahlprogramm. Wir müssen Stadtentwicklung und Landesentwicklung stets zusammendenken – eines geht nicht ohne das andere. Mein Ausgangspunkt ist dabei immer der Schutz der Natur und der Schutz der Grünflächen in der Stadt.

Also alles eine Frage kluger Landesplanung?

Im Landtag haben alle Fraktionen einem über vier Jahre erarbeiteten Bericht zu gleichwertigen Lebensverhältnissen in Bayern zugestimmt und Ähnliches für die Bundesrepublik steht im Koalitionsvertrag der GroKo. Die Staatsregierung macht das Gegenteil. Sie stärkt die Metropolen und fördert gleichzeitig den Flächenverbrauch auf dem Land – und das ohne erkennbare Strategie; und nachhaltig ist da auch nichts. Das ungebremste Wachstum in der Stadt und der Region wird in den nächsten Jahren eines der großen politischen Themen werden und ist es ja zum Teil heute schon. Da sind Kommunen, Land, Bund und die EU gefragt. Wir Grüne können hier Vorreiter sein, und wir haben Lösungen, die das Ganze in vernünftige Bahnen lenken und sowohl dem Wohl des Menschen als auch der Natur dienen.

Der Zuspruch für das Volksbegehren gegen den Flächenfraß macht ja deutlich, wie sehr dieses Thema die Menschen beschäftigt.

Der Flächenverbrauch auf dem Land steigt und steigt, weil die Kommunen versuchen, mit immer neuen Gewerbegebieten zu retten, was zu retten ist. Das klappt aber nicht. Mittlerweile stehen über 11.000 Hektar Gewerbegebiete in Bayern leer. Das ist sinnloser Flächenverbrauch. In den Ballungsräumen herrscht Wohnungsmangel, die Mieten steigen unaufhörlich, und gleichzeitig stehen deutschlandweit zwei Millionen Wohnungen leer. Auch hier haben wir ein Versagen der Staatsregierung auf der ganzen Linie. Strategische Landesplanung? Fehlanzeige!

Bürgerentscheide und Volksbegehren sind die stärksten Mittel der Bürger*innen-Mitwirkung.

Bürgerbeteiligung darf aber nicht erst beim Volksentscheid beginnen. Als Vorsitzender des BUND Naturschutz in München habe ich mich in den letzten 16 Jahren oft bei Planungen eingebracht und leider immer wieder erlebt, dass dieses Engagement am Ende kaum Berücksichtigung findet. Unter anderem, weil die Planungen meist schon sehr weit fortgeschritten sind, bevor die Menschen oder Organisationen beteiligt werden. Das muss sich ändern. Wir brauchen eine frühzeitige Einbindung und eine echte Berücksichtigung des demokratisch ermittelten Bürger*innenwillens.

Politik machen heißt für Dich Zukunft gestalten. Du willst dorthin, wo Entscheidungen gefällt und Weichen gestellt werden. Welche drei Projekte willst Du als Abgeordneter in Angriff nehmen?

Drei einzelne Projekte herauszugreifen ist schwer, weil immer alles mit allem zusammenhängt. Wir brauchen übergreifend viel mehr Natur- und Artenschutz und entsprechende Schutzgebiete und bei der Stadt- und Landesentwicklung, mehr Schutz unserer Lebensgrundlagen. Wir brauchen eine ökologischere Landwirtschaft mit besserer Förderung, umfassenden Gewässerschutz, ein bayerisches Klimagesetz, eine umweltverträgliche Energiewende, eine ökologische Verkehrswende und vieles mehr. Als Grundlage dafür brauchen wir mehr Umweltbildung. Das Wissen um die Notwendigkeit des Erhalts unserer Umwelt ist verloren gegangen. Was heute zählt, ist kurzfristiger Profit und nicht langfristiges Denken zum Wohle von uns Menschen und unseres Planeten. Das muss sich ändern, sonst ist es zu spät. Wir brauchen dringend eine Landesplanung, die all das berücksichtigt, und eine langfristige strategische Politik mit Sinn und Verstand.

Warum engagierst Du Dich für all diese Themen? Was treibt Dich an?

Ich bin aus zweierlei Gründen Natur- und Umweltschützer: weil die Natur um ihrer selbst willen, wegen ihrer Einzigartigkeit und Schönheit, wert ist, geschützt zu werden. Ich bin immer wieder fasziniert, wie in der Natur alles zusammenspielt und wie sie sich in Jahrmillionen entwickelt hat. Der zweite Grund ist, dass wir Menschen ohne Natur nicht überleben können. Umweltschutz ist deshalb immer auch Menschenschutz. Leider sind wir gerade dabei, das alles in rasanter Geschwindigkeit zu zerstören. Und das nehme ich nicht hin.

Dieses Interview und weitere interessante Beiträge finden Sie hier auf der Homepage der Münchner Grünen.

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